Innovation ist anstrengend

 

Seit Menschen diesen Planeten bevölkern entwickeln Sie Neues. Fortschritt gehört als Eigenschaft zum Menschsein wie die Fähigkeit zu sprechen. Menschen entwickeln Ideen und mit ihnen sich selbst. Wir erfinden Neues, hinterfragen den Status quo und sind ununterbrochen auf der Suche nach Ideen, die die Welt und uns selbst verändern. Aber warum?

Warum geben sich Menschen nicht wie andere Tiere zufrieden mit dem, was in unserer biologischen Evolution für Anpassung an die jeweils geltenden Bedingungen geschieht? Warum brauchen wir diese andere, diese so menschliche, Evolution von Ideen?

 

Warum Innovation uns so viel Energie kostet und wir trotzdem nicht darauf verzichten können. Christoph Burkhardt über die Psychologie von Innovation und die Evolution von Ideen. Kostenlos lesen und herunterladen!

Strategien gegen Selbstüberschätzung

Menschen haben die teils sehr effektive Angewohnheit ihre eigenen Fähigkeiten und Skills dramatisch zu überschätzen. In der Psychologie heißt das Konzept dahinter “Overconfidence”. Sind wir in einem Raum voller Leute und fragen wie gut jeder einzelne von sich selbst glaubt in einer bestimmten Tätigkeit, zum Beispiel im rückwärts einparken ist, bekommen wir eine überraschende Antwort. Angenommen wir geben die Antwortmöglichkeiten “durchschnittlich”, “überdurchschnittlich” oder “unterdurchschnittlich”, dann ist es wahrscheinlich, dass etwa 70% aller Leute im Raum ihre Fähigkeit als überdurchschnittlich einschätzen, obwohl das statistisch total unwahrscheinlich ist. Da die meisten Leute bei dieser Frage im Durchschnitt liegen sollten (denn so ungefähr ist der Durchschnitt nunmal definiert), können nicht so viele Leute über dem Durchschnitt liegen. Wir überschätzen uns also systematisch selbst. Und genau der gleiche Mechanismus steckt inter unserer Planung der nächsten Zeit.

Ich beobachte sehr oft Menschen, die eine Menge Zeit für Pläne verwenden, die wahrscheinlich scheitern werden. Wenn wir einen Plan für die nächste Woche aufstellen sind wir eben auch overconfident. Wir überschätzen wie viel Zeit uns tatsächlich zur Verfügung steht, wir unterschätzen wie oft wir unterbrochen werden und wir sind schlecht darin vorherzusagen wie lange wir fokussiert und konzentriert an einer Sache arbeiten werden. Es ist also nicht überraschend, dass unsere Pläne häufig scheitern.

Der einzig wirklich effektive Weg raus aus dieser Falle besteht im Zurückblicken auf das, was schon vorbei ist. Wenn wir einen Plan für nächste Woche erstellen, sollten wir letzte Woche analysieren. Und so kann das funktionieren:

  • Sieh dir letzte Woche genau an – wie viel Zeit hast du mit voller Konzentration an einer Sache gearbeitet? Wie viele Stunden gingen beim Prokrastinieren drauf? Wie viel hast du mit Anderen gesprochen? Wie oft warst du beim Sport?
  • Sei realistisch – Nimm die Gesamtanzahl der Stunden, die du an jedem einzelnen Projekt gearbeitet hast, nimm die Stunden Prokrastination, die Zeit mit Freunden oder beim Sport und setze jetzt realistische Ziele. Was bedeutet das? Angenommen, du warst einmal beim Sport und hast insgesamt 12 Stunden prokrastiniert. Naja, ein realistisches Ziel für nächste Woche könnte dann sein: “Gehe zweimal zum Sport” und “Prokrastiniere für maximal 10 Stunden”.
  • Erstelle einen Plan – Wenn du die Liste der Ziele für nächste Woche zusammen hast, sorg dafür, dass du alles hast, was du zum Messen deines Erfolgs brauchen könntest. Häng die Liste der Ziele an die Wand oder schreib sie in deinen Kalender. Und jetzt stell dir deine Ziele als Option vor, nicht als Dinge, die passieren müssen. Kann, muss aber nicht. Das schlimmste, was wir versuchen könnten wäre zweimal Fitnessstudio zu planen, einmal zu schaffen und dann den Plan für nächste Woche auf dreimal Fitnessstudio zu erhöhen um auszugleichen. Das wird nie passieren!

Overconfidence sorgt für den Glauben, dass wir nächste Woche ein besserer Mensch sein können. Und das ist ja auch kein schlechter Glaube. Aber wir müssen realistisch sein und akzeptieren, dass wir nur langsam wachsen und unser Leben nicht in einer Woche ändern können. Nichts ist frustrierender als ein Plan, der scheitert, besonders wenn wir den Plan selbst erstellt haben. Die Energie, die wir brauchen um über das Scheitern eines Planes hinwegzukommen wäre besser investiert in langsames Wachstum. Ein bisschen besser jede Woche!



Wer nicht schreibt, denkt zu viel

Gedanken aufzuschreiben hat eine Reihe von Vorteilen. Allen voran, wir können sofort vergessen, was erstmal da steht. In unserer Evolution haben wir gelernt, Informationen außerhalb unseres Gehirns abzulegen und im richtigen Moment wieder auf sie zuzugreifen.

Mit etwa 70.000 Gedanken pro Tag verarbeitet unser Gehirn eine unfassbare Menge an Informationen. Kein Wunder also, dass wir angefangen haben einige Informationen abzugeben an Hilfsmittel wie Einkaufslisten, ToDo-Listen, Exceldateien, Notizbücher oder Evernote.

Wer nicht schreibt, verliert zu viele Ideen.

Beim Training von kreativem Denken und Problemlösen geht es ebenso um das Aufgeben und Abgeben von Gedanken. Mit meinen Klienten arbeite ich an restriktiven Annahmen, also dem Glauben, dass Dinge immer so sein müssen wie sie sind; wir verlassen unsere Komfortzone und spielen mit kognitivem Risiko und wir generieren viel mehr Ideen als wir brauchen werden. Im Kern geht es immer genau darum: Quantität schlägt Qualität, wenn es um kreatives Denken geht. Deswegen müssen wir Gedanken aufschreiben. Tun wir das nicht, verstricken wir uns in Gedanken, die wir immer wieder durchdenken, wir bleiben zu lange an einer Lösung hängen und brechen den Prozess zu früh ab.

Wer nicht schreibt, denkt zu viel.

Auch wenn wir es schaffen, viel zu produzieren, eine Flut von Ideen zu generieren und die assoziativen Verbindungen in unseren neuronalen Strukturen richtig feuern zu lassen, besteht die Gefahr zu viel zu denken. Wir stoßen auf eine anderen Gegner innovativer Gedanken: unseren inneren Kritiker. Die Stimme, die unablässig abwertet, was wir denken. Die Instanz, die kreatives Denken so anstrengend und mühsam macht. Den Kritiker haben wir lange trainiert, er ist gut, um sich gegen Manipulation durch andere zu wehren. Er ist das Nebenprodukt der Aufklärung, er ermöglicht uns ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Aber leider ist er nicht gut für unsere Kreativität.

Den inneren Kritiker können wir zum Schweigen bringen. Durch das Aufschreiben von allem, was uns einfällt. Ungefiltert, ohne Bewertung. Klar, das meiste wird unbrauchbar sein oder totaler Blödsinn. Aber manches wird sich als sehr wertvoll herausstellen. Und wir brauchen alles, um die eine beste Lösung für unser Problem, die eine Antwort auf unsere Frage und die eine gute Idee zu finden. In anderen, mehr wissenschaftlichen Worten: die Wahrscheinlichkeit für gute Ideen steigt mit der Anzahl möglicher Ideen auf dem Papier.

Wer immer schreibt, gewinnt.

Wo auch immer Sie sind, in der U-Bahn, im Büro, im Cafe, im Wartezimmer Ihres Zahnarztes oder im Bett kurz vor dem Einschlafen: haben Sie etwas zum Schreiben griffbereit. Das kann Zettel und Stift sein, aber auch die Notizfunktion Ihres Smartphones. Machen Sie sich keine Gedanken über die Form Ihrer Notizen, die spielt kaum eine Rolle. Wichtig ist, dass Sie schnell loslegen können, ohne erst irgendwas sortieren zu müssen. Wenn Sie mit Evernote arbeiten wollen wie ich, dann legen Sie Überschriften, Tags, Keywords etc. erst nach dem kreativen Sammeln an. Alles andere blockiert den Flow, in den Sie kommen möchten.



Spiegelneurone beim Kommunizieren

Im Zug mir gegenüber sitzen ein Dreijähriger und seine Mutter. Nach recht ausdauernden Stunden Kletterns über alles und jeden hat der junge Mann jetzt wohl Hunger. Gerade hat er gegen den Rat seiner Mutter die Banane in seinen Händen ohne Hilfe geöffnet und dabei nur minimal Verwüstung angerichtet. Jetzt schiebt er sich jedenfalls die Banane in den weit geöffneten Mund und da ist es. Ich kann nicht wegsehen. Jedes Mal wenn ihr Sohn den Mund öffnet, öffnet auch sie den Mund. Bis zum letzten Stück imitiert sie die Mundbewegungen ihres Sohnes.

Warum imitieren wir (unbewusst) das Verhalten anderer Menschen? Verantwortlich für dieses Verhalten ist ein System von Spiegelneuronen im posterioren ventrolateralen Präfrontalkortex unseres Gehirns. Dieses Areal ist immer genau dann aktiv, wenn wir die Welt aus der Sicht anderer sehen oder uns vorstellen, welche Erfahrung ein anderer gerade macht.

Für effektives Lernen sind Spiegelneurone essenziell. Wenn Profi-Musiker Musik hören, sind ihre Spiegelneurone aktiver als bei Nicht-Musikern (Bangert, 2006). Spiegelneurone sind auch aktiver bei Tänzern, die anderen Tänzern in ihrem eigenen Genre zusehen als wenn sie einem fremden Stil zusehen (Calvo-Merino, 2005). Ok, das könnte nun auch einfach bedeuten, dass Spiegelneurone eine Art Gedächtniserweiterung sind und aktiv werden, wenn wir zusehen wie andere eine Erfahrung machen, die wir auch gemacht haben. Könnte sein. Ist aber nicht so. Bei genaueren Untersuchungen zeigt sich, dass für die Aktivierung des Systems von Spiegelneuronen nicht so entscheidend ist, ob wir eine Erfahrung auch schon gemacht haben. Entscheidend ist das Ziel, mit dem wir beobachten. Zeigt man geübten Guitarristen unbekannte Akkorde, werden ihre Spiegelneurone viel aktiver als bei bekannten Akkorden. Dies ist besonders deutlich, wenn sie vorhaben die neuen Akkorde zu lernen. Wir können also annehmen, dass uns Spiegelneurone beim Lernen unterstützen.

Im Umkehrschluss erreichen wir möglichst hohe Aktivierierung des neuronalen Systems, wenn wir zwei Dinge tun:

  1. genau beobachten, was Andere machen und was wir kopieren können und
  2. immer ein klares Ziel definieren, also genau wissen, was wir bei Anderen lernen können

Weniger abstrakt meine Empfehlung für die Nutzung von Spiegelneuronen: wir sollten uns bei jedem Meeting, in jeder Besprechung, beim Lesen von Berichten und grundsätzlich bei allen Aktivitäten fragen, mit welchem Ziel wir gerade agieren. Was sagen uns die Zahlen? Welche Schlüsse ziehen wir aus dem Gespräch? Welche Informationen fehlen mir noch, um mein Ziel zu erreichen? Wen muss ich noch befragen und was genau frage ich am besten?

Je mehr Erwartungen und Fragen wir formulieren, bevor wir auf die Suche nach Antworten oder Inspiration gehen, desto mehr werden wir lernen. Dafür sorgen die aktivierten Spiegelneurone. Übrigens werden Erwartungen oft gebrochen und Fragen bleiben unbeantwortet, aber der Lerneffekt ist dann noch größer. Denn ich muss redefinieren, neu fragen, Zusammenhänge verstehen und neue Erwartungen formulieren. Und das zahlt sich aus.

Übrigens glaube ich nach einigem Nachdenken, dass die Mutter mir gegenüber nicht ihren Sohn imitiert, sondern er sie. Denn seine Spiegelneurone sind gerade dabei den geöffneten Mund seiner Mutter als Indikator dafür zu nutzen wie weit er seinen Mund noch öffnen muss, damit die Banane auch reinpasst. Warum sollte er das auch alleine versuchen.