Strategien gegen Selbstüberschätzung

Menschen haben die teils sehr effektive Angewohnheit ihre eigenen Fähigkeiten und Skills dramatisch zu überschätzen. In der Psychologie heißt das Konzept dahinter “Overconfidence”. Sind wir in einem Raum voller Leute und fragen wie gut jeder einzelne von sich selbst glaubt in einer bestimmten Tätigkeit, zum Beispiel im rückwärts einparken ist, bekommen wir eine überraschende Antwort. Angenommen wir geben die Antwortmöglichkeiten “durchschnittlich”, “überdurchschnittlich” oder “unterdurchschnittlich”, dann ist es wahrscheinlich, dass etwa 70% aller Leute im Raum ihre Fähigkeit als überdurchschnittlich einschätzen, obwohl das statistisch total unwahrscheinlich ist. Da die meisten Leute bei dieser Frage im Durchschnitt liegen sollten (denn so ungefähr ist der Durchschnitt nunmal definiert), können nicht so viele Leute über dem Durchschnitt liegen. Wir überschätzen uns also systematisch selbst. Und genau der gleiche Mechanismus steckt inter unserer Planung der nächsten Zeit.

Ich beobachte sehr oft Menschen, die eine Menge Zeit für Pläne verwenden, die wahrscheinlich scheitern werden. Wenn wir einen Plan für die nächste Woche aufstellen sind wir eben auch overconfident. Wir überschätzen wie viel Zeit uns tatsächlich zur Verfügung steht, wir unterschätzen wie oft wir unterbrochen werden und wir sind schlecht darin vorherzusagen wie lange wir fokussiert und konzentriert an einer Sache arbeiten werden. Es ist also nicht überraschend, dass unsere Pläne häufig scheitern.

Der einzig wirklich effektive Weg raus aus dieser Falle besteht im Zurückblicken auf das, was schon vorbei ist. Wenn wir einen Plan für nächste Woche erstellen, sollten wir letzte Woche analysieren. Und so kann das funktionieren:

  • Sieh dir letzte Woche genau an – wie viel Zeit hast du mit voller Konzentration an einer Sache gearbeitet? Wie viele Stunden gingen beim Prokrastinieren drauf? Wie viel hast du mit Anderen gesprochen? Wie oft warst du beim Sport?
  • Sei realistisch – Nimm die Gesamtanzahl der Stunden, die du an jedem einzelnen Projekt gearbeitet hast, nimm die Stunden Prokrastination, die Zeit mit Freunden oder beim Sport und setze jetzt realistische Ziele. Was bedeutet das? Angenommen, du warst einmal beim Sport und hast insgesamt 12 Stunden prokrastiniert. Naja, ein realistisches Ziel für nächste Woche könnte dann sein: “Gehe zweimal zum Sport” und “Prokrastiniere für maximal 10 Stunden”.
  • Erstelle einen Plan – Wenn du die Liste der Ziele für nächste Woche zusammen hast, sorg dafür, dass du alles hast, was du zum Messen deines Erfolgs brauchen könntest. Häng die Liste der Ziele an die Wand oder schreib sie in deinen Kalender. Und jetzt stell dir deine Ziele als Option vor, nicht als Dinge, die passieren müssen. Kann, muss aber nicht. Das schlimmste, was wir versuchen könnten wäre zweimal Fitnessstudio zu planen, einmal zu schaffen und dann den Plan für nächste Woche auf dreimal Fitnessstudio zu erhöhen um auszugleichen. Das wird nie passieren!

Overconfidence sorgt für den Glauben, dass wir nächste Woche ein besserer Mensch sein können. Und das ist ja auch kein schlechter Glaube. Aber wir müssen realistisch sein und akzeptieren, dass wir nur langsam wachsen und unser Leben nicht in einer Woche ändern können. Nichts ist frustrierender als ein Plan, der scheitert, besonders wenn wir den Plan selbst erstellt haben. Die Energie, die wir brauchen um über das Scheitern eines Planes hinwegzukommen wäre besser investiert in langsames Wachstum. Ein bisschen besser jede Woche!



Wer nicht schreibt, denkt zu viel

Gedanken aufzuschreiben hat eine Reihe von Vorteilen. Allen voran, wir können sofort vergessen, was erstmal da steht. In unserer Evolution haben wir gelernt, Informationen außerhalb unseres Gehirns abzulegen und im richtigen Moment wieder auf sie zuzugreifen.

Mit etwa 70.000 Gedanken pro Tag verarbeitet unser Gehirn eine unfassbare Menge an Informationen. Kein Wunder also, dass wir angefangen haben einige Informationen abzugeben an Hilfsmittel wie Einkaufslisten, ToDo-Listen, Exceldateien, Notizbücher oder Evernote.

Wer nicht schreibt, verliert zu viele Ideen.

Beim Training von kreativem Denken und Problemlösen geht es ebenso um das Aufgeben und Abgeben von Gedanken. Mit meinen Klienten arbeite ich an restriktiven Annahmen, also dem Glauben, dass Dinge immer so sein müssen wie sie sind; wir verlassen unsere Komfortzone und spielen mit kognitivem Risiko und wir generieren viel mehr Ideen als wir brauchen werden. Im Kern geht es immer genau darum: Quantität schlägt Qualität, wenn es um kreatives Denken geht. Deswegen müssen wir Gedanken aufschreiben. Tun wir das nicht, verstricken wir uns in Gedanken, die wir immer wieder durchdenken, wir bleiben zu lange an einer Lösung hängen und brechen den Prozess zu früh ab.

Wer nicht schreibt, denkt zu viel.

Auch wenn wir es schaffen, viel zu produzieren, eine Flut von Ideen zu generieren und die assoziativen Verbindungen in unseren neuronalen Strukturen richtig feuern zu lassen, besteht die Gefahr zu viel zu denken. Wir stoßen auf eine anderen Gegner innovativer Gedanken: unseren inneren Kritiker. Die Stimme, die unablässig abwertet, was wir denken. Die Instanz, die kreatives Denken so anstrengend und mühsam macht. Den Kritiker haben wir lange trainiert, er ist gut, um sich gegen Manipulation durch andere zu wehren. Er ist das Nebenprodukt der Aufklärung, er ermöglicht uns ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Aber leider ist er nicht gut für unsere Kreativität.

Den inneren Kritiker können wir zum Schweigen bringen. Durch das Aufschreiben von allem, was uns einfällt. Ungefiltert, ohne Bewertung. Klar, das meiste wird unbrauchbar sein oder totaler Blödsinn. Aber manches wird sich als sehr wertvoll herausstellen. Und wir brauchen alles, um die eine beste Lösung für unser Problem, die eine Antwort auf unsere Frage und die eine gute Idee zu finden. In anderen, mehr wissenschaftlichen Worten: die Wahrscheinlichkeit für gute Ideen steigt mit der Anzahl möglicher Ideen auf dem Papier.

Wer immer schreibt, gewinnt.

Wo auch immer Sie sind, in der U-Bahn, im Büro, im Cafe, im Wartezimmer Ihres Zahnarztes oder im Bett kurz vor dem Einschlafen: haben Sie etwas zum Schreiben griffbereit. Das kann Zettel und Stift sein, aber auch die Notizfunktion Ihres Smartphones. Machen Sie sich keine Gedanken über die Form Ihrer Notizen, die spielt kaum eine Rolle. Wichtig ist, dass Sie schnell loslegen können, ohne erst irgendwas sortieren zu müssen. Wenn Sie mit Evernote arbeiten wollen wie ich, dann legen Sie Überschriften, Tags, Keywords etc. erst nach dem kreativen Sammeln an. Alles andere blockiert den Flow, in den Sie kommen möchten.



10 Minuten für mehr Fokus

Der Schlüssel zu erfolgreicher Organisation der eigenen Gedanken ist die Struktur, nach der wir planen. 10 Minuten Fokus für die systematische Organisation der Woche lohnen sich jederzeit. Nehmen Sie sich diese 10 Minuten, bevor Sie loslegen.

Hier die Struktur, die sich bei meinem Klienten und mir durchgesetzt hat:

  • Was will ich diese Woche getan bekommen? – Sehen Sie sich Ihre To Do Listen an und überlegen, was Sie nächsten Montag dort nicht mehr sehen wollen. Anstatt zu überlegen, was Sie diese Woche noch tun müssen, machen Gedanken darüber, was Sie nächste Woche erledigt haben wollen, vielmehr Sinn. Unser Gehirn verarbeitet die positive Botschaft des “Wollens” viel effektiver als die negative des “Müssens”
  • Was brauche ich für jede der Aufgaben? – Mit wem muss ich noch reden? Wen muss ich anrufen? Von wo brauche ich noch Informationen? Welche Entscheidungen muss ich für jede Aufgabe treffen? Habe ich alle Informationen, die ich für die Entscheidung brauche?
  • Was ist der erste physische Schritt? – Oft sehe ich auf To Do Listen und in Kalendern zu abstrakte Aufgaben wie “Meeting organisieren” oder “Termin planen”; für Ihre Produktivität zählt allerdings die physische Aktivität und nicht das Label der Aufgabe. Organisieren und Planen sind unpräzise Angaben, besonders bei Aufgaben, die Überwindung und Selbstdisziplin brauchen. Bei denen ist es umso wichtiger nur auf den ersten physischen Schritt zu fokussieren. Ein Meeting zu organisieren bedeutet, bestimmte Menschen anzurufen, Emails zu schreiben, Einladungen zu verschicken, Termine nachzufragen, einen Raum zu buchen, etc. Überlegen Sie genau, mit welchem physischem Schritt Sie in Ihre Aufgabe einsteigen wollen
  • Was habe ich aus der vergangenen Woche gelernt? – Fragen Sie sich, was Ihre Zeitfresser waren. Werden Sie oft unterbrochen? Von wem? Für was waren Sie dankbar? Was hat Ihnen gefallen? Was ist Ihnen leicht gefallen? Können Sie davon mehr bekommen? Wann hätten Sie NEIN sagen sollen? Wie sah die Situation aus? Bereiten Sie entsprechende Situationen für diese Woche vor. Zu wem werden Sie NEIN sagen? Was werden Sie delegieren? Was werden Sie anders machen?

Nehmen Sie sich 10 Minuten Zeit mit vollem Fokus und überlegen Sie sich, wie Sie das meiste aus den kommenden Tagen herausholen können. Diese 10 Minuten werden sich vielfach rechnen. Versprochen!