Spiegelneurone beim Kommunizieren

Im Zug mir gegenüber sitzen ein Dreijähriger und seine Mutter. Nach recht ausdauernden Stunden Kletterns über alles und jeden hat der junge Mann jetzt wohl Hunger. Gerade hat er gegen den Rat seiner Mutter die Banane in seinen Händen ohne Hilfe geöffnet und dabei nur minimal Verwüstung angerichtet. Jetzt schiebt er sich jedenfalls die Banane in den weit geöffneten Mund und da ist es. Ich kann nicht wegsehen. Jedes Mal wenn ihr Sohn den Mund öffnet, öffnet auch sie den Mund. Bis zum letzten Stück imitiert sie die Mundbewegungen ihres Sohnes.

Warum imitieren wir (unbewusst) das Verhalten anderer Menschen? Verantwortlich für dieses Verhalten ist ein System von Spiegelneuronen im posterioren ventrolateralen Präfrontalkortex unseres Gehirns. Dieses Areal ist immer genau dann aktiv, wenn wir die Welt aus der Sicht anderer sehen oder uns vorstellen, welche Erfahrung ein anderer gerade macht.

Für effektives Lernen sind Spiegelneurone essenziell. Wenn Profi-Musiker Musik hören, sind ihre Spiegelneurone aktiver als bei Nicht-Musikern (Bangert, 2006). Spiegelneurone sind auch aktiver bei Tänzern, die anderen Tänzern in ihrem eigenen Genre zusehen als wenn sie einem fremden Stil zusehen (Calvo-Merino, 2005). Ok, das könnte nun auch einfach bedeuten, dass Spiegelneurone eine Art Gedächtniserweiterung sind und aktiv werden, wenn wir zusehen wie andere eine Erfahrung machen, die wir auch gemacht haben. Könnte sein. Ist aber nicht so. Bei genaueren Untersuchungen zeigt sich, dass für die Aktivierung des Systems von Spiegelneuronen nicht so entscheidend ist, ob wir eine Erfahrung auch schon gemacht haben. Entscheidend ist das Ziel, mit dem wir beobachten. Zeigt man geübten Guitarristen unbekannte Akkorde, werden ihre Spiegelneurone viel aktiver als bei bekannten Akkorden. Dies ist besonders deutlich, wenn sie vorhaben die neuen Akkorde zu lernen. Wir können also annehmen, dass uns Spiegelneurone beim Lernen unterstützen.

Im Umkehrschluss erreichen wir möglichst hohe Aktivierierung des neuronalen Systems, wenn wir zwei Dinge tun:

  1. genau beobachten, was Andere machen und was wir kopieren können und
  2. immer ein klares Ziel definieren, also genau wissen, was wir bei Anderen lernen können

Weniger abstrakt meine Empfehlung für die Nutzung von Spiegelneuronen: wir sollten uns bei jedem Meeting, in jeder Besprechung, beim Lesen von Berichten und grundsätzlich bei allen Aktivitäten fragen, mit welchem Ziel wir gerade agieren. Was sagen uns die Zahlen? Welche Schlüsse ziehen wir aus dem Gespräch? Welche Informationen fehlen mir noch, um mein Ziel zu erreichen? Wen muss ich noch befragen und was genau frage ich am besten?

Je mehr Erwartungen und Fragen wir formulieren, bevor wir auf die Suche nach Antworten oder Inspiration gehen, desto mehr werden wir lernen. Dafür sorgen die aktivierten Spiegelneurone. Übrigens werden Erwartungen oft gebrochen und Fragen bleiben unbeantwortet, aber der Lerneffekt ist dann noch größer. Denn ich muss redefinieren, neu fragen, Zusammenhänge verstehen und neue Erwartungen formulieren. Und das zahlt sich aus.

Übrigens glaube ich nach einigem Nachdenken, dass die Mutter mir gegenüber nicht ihren Sohn imitiert, sondern er sie. Denn seine Spiegelneurone sind gerade dabei den geöffneten Mund seiner Mutter als Indikator dafür zu nutzen wie weit er seinen Mund noch öffnen muss, damit die Banane auch reinpasst. Warum sollte er das auch alleine versuchen.