Innovation ist anstrengend

 

Seit Menschen diesen Planeten bevölkern entwickeln Sie Neues. Fortschritt gehört als Eigenschaft zum Menschsein wie die Fähigkeit zu sprechen. Menschen entwickeln Ideen und mit ihnen sich selbst. Wir erfinden Neues, hinterfragen den Status quo und sind ununterbrochen auf der Suche nach Ideen, die die Welt und uns selbst verändern. Aber warum?

Warum geben sich Menschen nicht wie andere Tiere zufrieden mit dem, was in unserer biologischen Evolution für Anpassung an die jeweils geltenden Bedingungen geschieht? Warum brauchen wir diese andere, diese so menschliche, Evolution von Ideen?

 

Warum Innovation uns so viel Energie kostet und wir trotzdem nicht darauf verzichten können. Christoph Burkhardt über die Psychologie von Innovation und die Evolution von Ideen. Kostenlos lesen und herunterladen!

Wer nicht schreibt, denkt zu viel

Gedanken aufzuschreiben hat eine Reihe von Vorteilen. Allen voran, wir können sofort vergessen, was erstmal da steht. In unserer Evolution haben wir gelernt, Informationen außerhalb unseres Gehirns abzulegen und im richtigen Moment wieder auf sie zuzugreifen.

Mit etwa 70.000 Gedanken pro Tag verarbeitet unser Gehirn eine unfassbare Menge an Informationen. Kein Wunder also, dass wir angefangen haben einige Informationen abzugeben an Hilfsmittel wie Einkaufslisten, ToDo-Listen, Exceldateien, Notizbücher oder Evernote.

Wer nicht schreibt, verliert zu viele Ideen.

Beim Training von kreativem Denken und Problemlösen geht es ebenso um das Aufgeben und Abgeben von Gedanken. Mit meinen Klienten arbeite ich an restriktiven Annahmen, also dem Glauben, dass Dinge immer so sein müssen wie sie sind; wir verlassen unsere Komfortzone und spielen mit kognitivem Risiko und wir generieren viel mehr Ideen als wir brauchen werden. Im Kern geht es immer genau darum: Quantität schlägt Qualität, wenn es um kreatives Denken geht. Deswegen müssen wir Gedanken aufschreiben. Tun wir das nicht, verstricken wir uns in Gedanken, die wir immer wieder durchdenken, wir bleiben zu lange an einer Lösung hängen und brechen den Prozess zu früh ab.

Wer nicht schreibt, denkt zu viel.

Auch wenn wir es schaffen, viel zu produzieren, eine Flut von Ideen zu generieren und die assoziativen Verbindungen in unseren neuronalen Strukturen richtig feuern zu lassen, besteht die Gefahr zu viel zu denken. Wir stoßen auf eine anderen Gegner innovativer Gedanken: unseren inneren Kritiker. Die Stimme, die unablässig abwertet, was wir denken. Die Instanz, die kreatives Denken so anstrengend und mühsam macht. Den Kritiker haben wir lange trainiert, er ist gut, um sich gegen Manipulation durch andere zu wehren. Er ist das Nebenprodukt der Aufklärung, er ermöglicht uns ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Aber leider ist er nicht gut für unsere Kreativität.

Den inneren Kritiker können wir zum Schweigen bringen. Durch das Aufschreiben von allem, was uns einfällt. Ungefiltert, ohne Bewertung. Klar, das meiste wird unbrauchbar sein oder totaler Blödsinn. Aber manches wird sich als sehr wertvoll herausstellen. Und wir brauchen alles, um die eine beste Lösung für unser Problem, die eine Antwort auf unsere Frage und die eine gute Idee zu finden. In anderen, mehr wissenschaftlichen Worten: die Wahrscheinlichkeit für gute Ideen steigt mit der Anzahl möglicher Ideen auf dem Papier.

Wer immer schreibt, gewinnt.

Wo auch immer Sie sind, in der U-Bahn, im Büro, im Cafe, im Wartezimmer Ihres Zahnarztes oder im Bett kurz vor dem Einschlafen: haben Sie etwas zum Schreiben griffbereit. Das kann Zettel und Stift sein, aber auch die Notizfunktion Ihres Smartphones. Machen Sie sich keine Gedanken über die Form Ihrer Notizen, die spielt kaum eine Rolle. Wichtig ist, dass Sie schnell loslegen können, ohne erst irgendwas sortieren zu müssen. Wenn Sie mit Evernote arbeiten wollen wie ich, dann legen Sie Überschriften, Tags, Keywords etc. erst nach dem kreativen Sammeln an. Alles andere blockiert den Flow, in den Sie kommen möchten.



Kreativer durch simulierte Gespräche

Für mich eine der beeindruckensten menschlichen Fähigkeiten ist die Gabe, sich selbst zu überraschen. Und ich meine nicht die Art von Überraschung, bei der wir in der Winterjacke von letzter Saison unerwartet einen 20 Euro Schein wiederfinden. Ich rede hier nicht von Überraschung, die aus unserem Gedächtnis und seinen Unzulänglichkeiten kommt.

Wirklich beeindruckend finde ich die Möglichkeit unser Gehirn für das Generieren von Ideen und Lösungen zu nutzen, die wir nicht vorhersehen konnten. Wie das funktioniert und warum, offenbart eine großartige Übung, die sich leicht ausprobieren lässt:

Stellen Sie sich 5 Personen vor, die alle um einen runden Tisch sitzen, an dem auch Sie Platz nehmen.

  • Ihnen gegenüber sitzt eine Person aus Ihrem engen Bekanntenkreis. Stellen Sie sich einfach jemanden vor.
  • Eine zweite Person am Tisch sollte aus Ihrer Familie sein. Stellen Sie sich Ihre Mutter, Ihren Vater, Geschwister, eine Tante oder Tochter vor. Wählen Sie einfach eine Person aus.
  • Die dritte Person sollte eine Berühmtheit sein, also irgendjemand, den möglichst viele Leute kennen.
  • Als Nummer vier stellen Sie sich jemanden vor, den Sie sehr bewundern. Egal, ob lebend oder bereits verstorben und vollkommen egal, für was Sie diese Person bewundern. Haben Sie jemanden? Wählen Sie aus.
  • Der letzte Platz am Tisch ist für jemanden reserviert, den Sie nicht besonders mögen, der Sie nervt oder den Sie nicht leiden können. Haben Sie Ihren Tisch zusammen? Stellen Sie sich die Personen genau vor, wie sie alle um den Tisch sitzen und Sie ansehen. Haben Sie? Dann los.

Angenommen Ihre Aufgabe ist es Ideen für einen Vortrag zu sammeln, den Sie bald halten sollen. Die Menschen am Tisch sind jetzt Ihre Hall of Fame, eine Gruppe von Beratern und Kommentatoren aus Ihrer Vorstellung, deren Aufgabe es ist im Gespräch mit Ihnen auf gute Ideen zu kommen. Stellen Sie sich genau vor, was jede einzelne Person zu Ihnen sagen würde. Eine Person nach der Anderen erklärt ihre Meinung und liefert Input. Manchmal blödsinnig, manchmal unsinnig. Erst einer nach dem Anderen und dann auch im Gespräch miteinander entwickelt Ihre Hall of Fame Ideen mit Ihnen. Stellen Sie Fragen. Diskutieren Sie Vorschläge und nehmen Sie soviel mit, wie Sie können.

Häufig, wenn ich diese Übung in Seminaren mache, sind Teilnehmer von den Vorschlägen und Antworten überrascht, die sie von ihrer Hall of Fame bekommen. Fast immer sind Vorschläge dabei, auf die Teilnehmer alleine nicht gekommen wären. Und genau darin liegt der große Wert der Übung und der unglaublichen Fähigkeit unseres Gehirns. Während der gesamten Übung gibt es keinen äußeren Input, aber alleine der Perspektivwechsel sorgt für neue Informationen. Manchmal müssen wir also die Menschen in unserer Umgebung gar nicht um Rat fragen. Unser Gehirn erlaubt uns Vorschläge und Ideen in deren Mund zu legen ohne, dass sie dafür irgendetwas tun müssten.

Wann immer Sie stecken bleiben im Ideenfinden oder bei der Problemlösung nicht weiterkommen, befragen Sie Ihre Hall of Fame. Die sind nicht selten für einige Überraschungen gut.